Kurzer Abriss über Geschichte und Kultur, Gesetzgebung und Institutionen im heutigen Deutschland
von Gregorio Baggiani
Deutsch ist (nach dem Russischen) in Europa die zweithäufigste Muttersprache und nimmt nach dem Englischen und vor dem Französischen Platz zwei bei den in Europa gesprochenen Sprachen ein. Es gibt ca. 100 Millionen Menschen in Europa,
deren Muttersprache Deutsch ist. Davon leben ca. 80 Mio. in Deutschland, ca. 4 Mio. in der deutschsprachigen Schweiz, ca. 8 Mio. in Österreich. Hinzu kommen noch verschiedene kleine deutschsprachige Gemeinden in ganz Europa, wie
in Belgien (Eupen und Malmedy), Polen (Schlesien), Russland, Rumänien, Ungarn, Kasachstan usw., obwohl diese deutschsprachigen Gemeinschaften in den letzten Jahren geschrumpft sind, weil die starke deutsche Wirtschaft sehr viele
Migranten anzieht
Kurzer Abriss über Geschichte und Kultur, Gesetzgebung und Institutionen im heutigen
Deutschland
von Gregorio Baggiani
Deutsch ist (nach dem Russischen) in Europa die zweithäufigste Muttersprache und nimmt nach
dem Englischen und vor dem Französischen Platz zwei bei den in Europa gesprochenen Sprachen
ein. Es gibt ca. 100 Millionen Menschen in Europa, deren Muttersprache Deutsch ist. Davon leben
ca. 80 Mio. in Deutschland, ca. 4 Mio. in der deutschsprachigen Schweiz, ca. 8 Mio. in Österreich.
Hinzu kommen noch verschiedene kleine deutschsprachige Gemeinden in ganz Europa, wie in
Belgien (Eupen und Malmedy), Polen (Schlesien), Russland, Rumänien, Ungarn, Kasachstan usw.,
obwohl diese deutschsprachigen Gemeinschaften in den letzten Jahren geschrumpft sind, weil die
starke deutsche Wirtschaft sehr viele Migranten anzieht. In Deutschland gilt in diesem
Zusammenhang das Abstammungsprinzip (ius sanguinis) und nicht das Geburtsortsprinzip (ius soli):
denn wenn ein Einwanderer deutschstämmige Vorfahren nachweisen kann, hat er Anspruch auf
schnellstmögliche Anerkennung der deutschen Staatsbürgerschaft. Insgesamt lassen sich daher ca.
110 Mio. Menschen mit deutscher Muttersprache zählen; hinzu kommt eine gewisse Verbreitung
der deutschen Sprache in Osteuropa, weil die deutsche Wirtschaft in dieser Region von besonderer
Bedeutung ist. Außerdem haben viele mitteleuropäische Schriftsteller Texte in dieser Sprache
verfasst, auch wenn Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. So erlangt das Deutsche ein gewisses
kulturelles Prestige, wenn es um Geschichte, Philosophie, Literatur usw. geht. Deutschland und im
Allgemeinen der gesamte deutsche Sprachraum war bekanntlich im Laufe der vergangenen
Jahrhunderte eine wichtige Quelle der kulturellen Erneuerung mit Namen wie Johann Wolfgang
Goethe, Thomas Mann, Sigmund Freud, Immanuel Kant, Theodor Wiesengrund Adorno, Robert
Musil, dem Philosophen Jürgen Habermas, Friedrich Nietzsche, Max Weber usw., um nur die
bekanntesten Vertreter zu nennen, durch die Deutschland den Titel Kulturnation erhielt. Der Begriff
umschreibt eine Nation, die in der Vergangenheit die humanistische literarische Kultur mit
romantischen Begriffen wie „Sehnsucht“ (struggimento) oder Begriffen aus dem späten 19. Jh., wie
„Entzauberung der Welt“ (disincanto del mondo) zu einer ihrer Stärken machte. Gegen Ende des 19.
Jh. zeigten sie die Abneigung der humanistischen Hochkultur (die sich in der Bildungssprache
(lingua colta) ausdrückte) gegenüber der Technologie und der Wissenschaft im Allgemeinen, weil
diese angeblich das Ende der traditionellen Gesellschaft und ihrer Werte angeordnet hatte und im
Individuum das gefährliche Phänomen der Entfremdung (alienazione) in einem immer stärker
fragmentierten gesellschaftlichen Kontext erzeugte, der die Angst vor der Moderne (paura della
modernità) widerspiegelte, die sich am Ende des 19. Jh. und in der ersten Hälfte des 20. Jh. in
Deutschland immer mehr verbreitete. Darauf verweist die berühmte Unterscheidung von Mann –
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und die Geistesgeschichte (storia del pensiero) – zwischen Zivilisation (die kühle und gefühllose
wirtschaftlich-industrielle Zivilisation) und Kultur (die humanistische Kultur, die das Schöne und
die edelsten geistigen Werte liebt), zwischen Gemeinschaft (Gemeinschaft, die durch kulturelle,
religiöse und ethnische Bindungen entsteht) und Gesellschaft oder – polemischer ausgedrückt –
Leistungsgesellschaft, d. h. einer Gesellschaft, in der Wettbewerb zwischen den Individuen herrscht,
die ausschließlich zu wirtschaftlichen oder kommerziellen Zwecken miteinander in Verbindung
treten und die so nach der konservativen Ideologie, der sich die Intellektuellen in Deutschland Ende
des 19. Jh. anschlossen, den definitiven Untergang des Abendlandes einläuteten, wobei das
Abendland für die kulturelle und historische Einheit steht, die sich im Laufe von fast zwei
Jahrtausenden entwickelt hat, während das Abendland als politische Wertegesellschaft heute
Westen genannt wird. So lässt sich der in historischer, politischer und institutioneller Hinsicht
besondere Weg Deutschlands erklären, der bis zur Niederlage des Nationalsozialismus die
Bezeichnung Sonderweg (via speciale) erhielt, heute jedoch definitiv in den Schoß des
liberaldemokratischen Staates mit westeuropäischer Prägung zurückgekehrt ist, auch wenn dieser
sich nach wie vor durch einige kulturelle und politisch-institutionelle Besonderheiten von seinen
westlichen Nachbarn unterscheidet, wie dies auch in anderen europäischen Ländern der Fall ist.
Dieses historisch-kulturelle Erbe, durch das ein deutschsprachiger Mensch unweigerlich der
Gemeinschaft angehört, d. h. einer Gemeinschaft, die im Innern fest durch ethnische, kulturelle und
linguistische Motive verbunden ist, wirkt sich auch heute noch erheblich auf die deutsche
Gesellschaft aus, wenn es um die Integration von Ausländern geht, denn die kulturellen, ethnischen
und linguistischen Merkmale eines Menschen spielen eine wichtige Rolle in diesem
Integrationsprozess, wenn dies auch nicht offiziell zugegeben wird. Diese ethnischen und
linguistischen Elemente, die sogenannte deutsche Leitkultur, ist nach Ansicht einiger Vertreter der
konservativen Partei CDU-CSU in der deutschen Gesellschaft immer noch von Bedeutung, auch
wenn insbesondere die Grünen die Vorstellungen einer an diese ethnischen und linguistischen
Kriterien gebundenen Staatsbürgerschaft zur Diskussion gestellt werden und die inzwischen
erfolgte Vergangenheitsbewältigung bzw. die Klärung der Schuldfrage das Deutschland von heute
zu einem wirklich demokratischen Land gemacht haben, das eine multilaterale und demokratische
Vorstellung der internationalen Beziehungen zwischen den Staaten, in erster Linie die europäische
Integration, respektiert, die zu einer allmählichen Annäherung der verschiedenen Rechtssysteme der
anderen europäischen Staaten geführt hat (siehe hierzu meine Diplomarbeit zur deutschen
Wiedervereinigung: https://docs.google.com/file/d/0BA7MshMtl7Bc1V3R010QTVyaG8/edit?pli=1). Auf diese Weise sind Begriffe, die oberflächlich
gesehen bedrohlich wirken, wie Zwischeneuropa (Europa di mezzo), d. h. Länder und Gebiete, die
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sich zwischen Berlin und Moskau befinden, oder Alleingang (unilateralismo) auseinanderzunehmen
und in die Vergangenheit zu verweisen, die im historisch-politischen Kontext des vergangenen
Jahrhunderts auf den nie besänftigten Drang Deutschlands hinwiesen, die Gebiete, die sich östlich
von Berlin und westlich von Moskau erstreckten, wirtschaftlich und politisch zu beherrschen (der
berühmte Drang nach Osten). Deutschland hat uns in der ersten Hälfte des 20. Jh. daher ein
politisches Vokabular hinterlassen, das stark philosophisch geprägt ist, wie Dasein, Trieb, das
kollektive Unbewusste (l’Essere, l’istintualità e l’inconscio collettivo) die man bei Autoren wie
Jaspers, Freud und Jung wiederfindet, aber auch ideologische Begriffe, wie Feindbild (immagine
del nemico), das stark ideologisch und daher hauptsächlich negativ geprägt ist, oder Lebensraum
(spazio vitale), Großraumwirtschaft (economia del grande spazio), ein Begriff, der vom deutschen
Juristen und nationalsozialistischen Ideologen Carl Schmitt geprägt wurde und für eine Wirtschaft
steht, die vom nationalsozialistischen Deutschland und seinen industriellen Oligopolen beherrscht
wird) oder auch Gedankengut (patrimonio ideologico) oder Gleichschaltung, ein Begriff, der mit
Goebbels die Bedeutung einer „Synchronisierung“ von Kommunikationsmitteln im Hinblick auf die
nationalsozialistische Ideologie erhielt und der heute aus verständlichen Gründen nicht mehr
verwendet wird oder nur noch in einem völlig anderen entpolitisierten, ideologischen und
politischen Kontext verwendet wird als zu dem Zeitpunkt, als diese Begriffe im politischen und
politologischen Umfeld Deutschland üblich waren. Die literarische (und insbesondere die politische)
Sprache am Ende des 19. und Anfang des 20. Jh. bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs zeichnete
sich je nach Bezugszeitraum durch eine streng apolitische und konservative Vision von der
Gesellschaft aus, die die Moderne als Abstraktion in der Kunst ablehnte, wie es bei der entarteten
Kunst (arte degenerata) der Fall war und in der der Untertan (cittadino-suddito) immer der Autorität
des Staates unterstand, deren folgsamer Vollstrecker er war (auch die intellektuelle Schicht
unterstützte stillschweigend oder ausdrücklich die autoritäre Politik des Staates), die durch Mann
bekannt gewordene machtgeschützte Innerlichkeit (introversione protetta), bis zur einer wachsenden
Politisierung und Radikalisierung des politischen Umfelds ab den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. und
vor allen Dingen nach dem Ersten Weltkrieg. Auf diese folgt in den 1930er Jahren ein Wertewandel
(trasmutazione dei valori), der sich durch die vorwiegend nationalsozialistisch geprägte
Terminologie auszeichnet, von der wir weiter oben schon gesprochen haben. In den 1950er und
1960er Jahren stützte sich die bundesdeutsche Identität im Wesentlichen auf vier Säulen: die
Entthematisierung der jüngsten Vergangenheit und eine nicht geschichtliche Definition der eigenen
Identität, eine starke Orientierung zu westlichen Werten und zu guter Letzt ein großer Stolz auf die
eigenen wirtschaftlichen Leistungen. In diesem Zusammenhang hat der Philosoph Jürgen Habermas
einen recht passenden Begriff gewählt, um dieses Phänomen zu beschreiben: DM-Nationalismus. In
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seinem Artikel definiert er ausgewogen und überzeugend die Entwicklung dieses besonderen
Nationalgefühls. Der DM-Nationalismus wird als Ersatz für die nationalen Werte begriffen, die
durch die Niederlage verloren gingen. Er wird das Symbol des materiellen und moralischen
Wiederaufbaus und der erneuten Bindung Deutschlands an die westlichen demokratischen Werte
(Westbindung – legame con il Westen), ein politologischer Begriff, der den Westen insbesondere als
politisches System darstellt, das auf dem freien Markt, einem liberal-parlamentarischen System und
dem Konzept des „Rule of law“ beruht. Diesen zahlreichen Ereignissen ist die emotionale Bindung
der deutschen Bevölkerung an die D-Mark zuzuschreiben, der Währung die genau diese Werte der
Solidität, der guten wirtschaftlichen Verwaltung und der gesellschaftlichen Eintracht
(Mitbestimmung – concertazione tra le parti sociali) verkörpert. Doch die Voraussetzungen, die zu
der Entwicklung der nationalen Identität Deutschlands in den 1950er und 1960er Jahren beigetragen
haben, sind langsam geschwunden. Diese nationale Identität spiegelt sich in dem noch geteilten
Deutschland wider (rispecchiamento), in großen Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur, wie
Günther Grass, Christa Wolf und Heinrich Böll. 1968 hat die Begriffe Zivilisationsbruch (crollo
civilizzatorio), Schuld (colpe dei padri), Aufarbeitung (elaborazione) und Verdrängung (rimozione)
(Begriff aus der Psychologie) ins Rampenlicht gerückt, die Struktur der Obrigkeitsgesellschaft
(società autoritaria)und die Zwänge, denen der Einzelne ausgesetzt war (Adorno, Marcuse, die zu
den Gründern der sogenannten Frankfurter Schule gehörten), was zu einem intensiven Nachdenken
über die nationale Geschichte Anlass gab, ein Nachdenken über die kapitalistische Gesellschaft im
Allgemeinen und die Elemente, die ihr Wesen (essenza fattuale) ausmachen, die jedoch nicht immer
die Sinnstiftung (senso ultimo dell’esistenza umana) garantieren können, den Beginn einer
Wiederaufnahme der Beziehungen und eine Wiederversöhnung mit den Ländern im Osten. Hinzu
kommt die Tatsache, dass die öffentliche Meinung in Deutschland Anfang der 1960er Jahre zum
ersten Mal eine gewisse Uneinigkeit mit der amerikanischen Schutzmacht (potenza egemone)
feststellte (unter Hegemonie ist im Allgemeinen die Vorherrschaft eines Landes über ein anderes zu
verstehen, nicht die mehr oder weniger tyrannische Beherrschung eines Landes durch ein anderes),
vor allen Dingen während des Vietnamkriegs, so dass eine gewisse Loslösung stattfand.
Gleichzeitig führte das Erstarken des europäischen Gedankens damals zu einem relativen
Wiederaufflammen der Frage nach der nationalen Identität, die ein Gleichgewicht zwischen der im
Wesentlichen nihilistischen Ansicht der extremen Linken und der traditionalistischen und potenziell
reaktionären Ansicht der Konservativen zu finden versuchte. Es stellte sich die grundlegende Frage,
ob die nationale Identität Deutschland insgesamt umfassen sollte, das heißt seine Geschichte, seine
linguistisch-kulturelle Tradition, seine wirtschaftliche Entwicklung usw. oder nur die
Bundesrepublik Deutschland, auch ohne Berücksichtigung der präpolitischen Daten und unter
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Einbeziehung seines normativen Wertes im Hinblick auf die Verfassung, der sogenannten
Verfassungspatriotismus (patriottismo costituzionale), nach dem die Nation von ethnischen,
religiösen und kulturellen Daten absehen muss, um sich in eine Staatsbürgernation zu verwandeln,
eine Nation von „citoyens“, von „cives“, die die sogenannten Grundrechte (diritti umani di base)
schützt, welche der deutschen Verfassung seit 1949 zugrunde liegen, die die technische
Bezeichnung Grundgesetz (Legge fondamentale) erhält und von einem internen Sicherheitsorgan,
dem Bundesamt für Verfassungsschutz, geschützt wird, das die Aufgabe hat, die demokratische
Ordnung in Deutschland vor Umsturzversuchen zu schützen. Bis zur Wiedervereinigung erkannte
sich die westdeutsche Bevölkerung im Wesentlichen in den Werten der Verfassung wieder. Seit der
Wiedervereinigung scheint nunmehr auf gesamtdeutscher Ebene und nach der Erfahrung der
nachholenden Revolution nach Habermas’scher Prägung, d. h. der substanziellen
Anpassungsfähigkeit (capacità di adeguamento) der Deutschen Demokratischen Republik an die
Gesetzgebung der Bundesrepublik Deutschland das einzige Integrationssymbol zwischen den
beiden deutschen Staaten der sogenannte „DM-Nationalismus” zu sein, wobei die D-Mark als
rettendes Element der umgarnten ostdeutschen Bevölkerung und als Symbol der Stabilität und der
Kraft der Wirtschaftsnation verstanden wird, deren Mittelstand (ceto medio produttivo) in kleinen
und mittleren Unternehmen Güter produziert und Dienstleistungen erbringt, und zwar zusätzlich zu
der Großindustrie oder den Konzernen, die das Rückgrat bilden. Dieser Glaube an die Tugenden der
D-Mark hat die öffentliche Meinung in Deutschland und zum Teil die politische und finanzielle
Elite zu einer Einstellung veranlasst die als „Währungsrassismus“ bezeichnet werden kann und die
Länder mit einem desaströsen Staatshaushalt vom Beitritt zur EWU ausschließen würde. Dies
beträft insbesondere Italien, aber auch Spanien, Portugal, Griechenland bzw. die Mittelmeerländer.
Nach dem Zweiten Weltkrieg musste sich Deutschland in gewisser Weise mit dem Dilemma
zwischen der Machtbesessenheit (ossessione del potere) und der Machtvergessenheit (oblio del
potere) auseinandersetzen. Dies ist auch der Tatsache geschuldet, dass Deutschland ein politisch
potenter Staat ist, der jedoch aufgrund seines Status als ehemalige Kriegspartei an juristische und
politische Auflagen gebunden ist. Dadurch entstand eine besondere Sensibilität und
Empfindlichkeit im Hinblick auf die Macht, die in der ersten Hälfe des 20. Jh. in Europa so viel
Schaden verursacht hatte. Nach der Wiedervereinigung war ab den 1990er Jahren die Diskussion
über die deutsche Position in Europa, die im Wesentlichen auf seine wirtschaftliche Macht
zurückzuführen war, welche mit der Wiedervereinigung und seiner geografischen und strategischen
Mittellage (centralità) noch weiter wachsen würde, noch in vollem Gange. Die Wahl von Kanzlerin
Angela Merkel Anfang des 21. Jh. sollte diese Position verändern und in eine entschlossenere
deutsche Vorherrschaft in Europa verwandeln, auch wenn schon ein Zögern bei der Übernahme der
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politischen Verantwortung zu spüren war, die auf die wirtschaftliche Stärke Deutschlands
zurückzuführen ist, wie z. B. die Teilnahme an Militär- und Kriegseinsätzen im Ausland und vor
allen Dingen die wirtschaftlichen Hilfen für die hoch verschuldeten Länder der Eurozone, wie
Griechenland, im Rahmen des sogenannten Rettungsschirms. Aus diesem und anderen Gründen, die
über die Möglichkeiten dieser Abhandlung hinausgehen, erhielt Deutschland die Bezeichnung
Hegemon wider Willen (egemone riluttante), d. h. Deutschland ist ein Land, das faktisch die
Vorherrschaft in Europa hat, jedoch zögert, Verantwortung und Pflichten zu übernehmen, die sich
aus dieser faktischen Vorherrschaft ergeben. Die Beziehungen zwischen Italien und Deutschland
haben sich seit der Wiedervereinigung aufgrund der zunehmenden politischen und wirtschaftlichen
Macht Deutschlands spürbar verändert. Dies hat natürlich zu Konsequenzen bei den politischen
Beziehungen zwischen den beiden Ländern geführt, ein Phänomen, das der italienischen Politologe
Gian Enrico Rusconi treffend mit dem Begriff „schleichende Entfremdung“ (estraniazione
strisciante) beschrieben hat.
Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs verbreiteten sich die deutsche Kultur und die deutsche
Sprache fast in ganz Europa , insbesondere in Mittel-, Ost- und Nordeuropa. Nach dem Zweiten
Weltkrieg gingen die Deutschkenntnisse in Europa zurück. Dennoch sind sie in den oben genannten
Gebieten immer noch gut, wenn auch geringer als früher, weil die englische Sprache weltweit zur
Lingua Franca aufgestiegen ist. Die deutsche Sprache bleibt dennoch wichtig, wenn nicht von
fundamentaler Bedeutung für die Lektüre von Büchern aus den Bereichen Geschichte, Politologie,
Recht, Philosophie, Philologie, Archäologie und Kunstgeschichte. Mit guten Kenntnissen in diesen
Themenbereichen und ihrem Fachwortschatz hat der Übersetzer selbstverständlich einen Vorteil bei
der Übersetzung von Texten aus dem deutschsprachigen Raum. Das Deutsche nimmt in Europa
einen Sonderstatus ein, insbesondere was den Handel betrifft. In diesem Bereich spielt Deutschland
in Europa und weltweit eine wichtige Rolle. Genau diesem Grund ist die große Verbreitung der
deutschen Sprache aus Sicht des Handels mit Italien zu verdanken, weil Deutschland für Italien der
wichtigste Partner ist. Hinzu kommen, wenn auch nur in zweiter Linie, Österreich und die Schweiz,
die dennoch einen nicht zu vernachlässigenden Teil des deutschsprachigen Übersetzungsmarktes
darstellen. Mit der Liberalisierung der Berufe und der Niederlassungsfreiheit in anderen EULändern ist dieser Anteil noch gestiegen, weil die Zahl der juristischen Transaktionen und somit der
Bedarf an Übersetzungen der dazugehörigen Unterlagen gestiegen ist. Diese Art Übersetzung
erfordert nicht nur ausgezeichnete Deutschkenntnisse, sondern auch ausgezeichnete Kenntnisse des
juristischen und institutionellen Kontextes in Deutschland, den ich an dieser Stelle – zumindest in
groben Zügen – vorstellen möchte.
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Der deutsche Staat und seine Institutionen.
Als die Bundesrepublik Deutschland 1949 auf den Trümmern des Dritten Reichs gegründet wurde,
versuchte man, in Deutschland eine freiheitliche Verfassung einzuführen, die es dem Land
ermöglichen würde, die schrecklichen Erfahrungen der Nazi-Diktatur und des Krieges hinter sich zu
lassen, indem die Bürger für die damalige Zeit weitreichende Rechte erhielten, die in gewisser
Weise bis heute noch die Gründung Europas beeinflussen, wenn es um die Menschenrechte geht,
die im deutschen Grundgesetz als unantastbar definiert werden. Hierin wird der Staat zu einem
demokratischen Rechtsstaat (Stato di diritto), der auf dem Grundgesetz basiert, das während der
Weimarer Republik erstmals vervollständigt wurde, dann von den Nazis 1933 untergraben wurde)
und das Zivilgesetzbuch erhält erneut eine entscheidende Bedeutung, weil der Staat in jedem Fall
verpflichtet ist, das Eigentumsrecht der Bürger und ihre Rechte als Personen zu beachten. Das
deutsche Zivilgesetzbuch heißt BGB (Bürgerliches Gesetzbuch); es enthält die zivilrechtlichen
Bundesgesetze und regelt die wirtschaftlichen und juristischen Beziehungen zwischen den Bürgern.
Die italienische Übersetzung wurde von Prof. Salvatore Patti vorgenommen. Sie gehört zu den
besten und aktuellsten Versionen. Heute ist Deutschland jedoch vor allem im wirtschaftlichen
Bereich das wichtigste Land. Dies zeigt sich auch im Gebrauch der Fachterminologie, dem
Wirtschaftsdeutsch (tedesco del settore economico). Deutschland ist ein föderalistischer Staat mit
16 Ländern. Berlin, Bremen und Hamburg haben einen rechtlichen Sonderstatus im Rahmen der aus
16 Bundesländern (regioni federali) bestehenden Föderation. Der Bund bzw. die Bundesregierung
befasst sich mit den Angelegenheiten, die in ihren Zuständigkeitsbereich fallen, wie z. B. die
Verteidigung, die Außenpolitik und die Wirtschaft auf staatlicher Ebene. Die anderen
Zuständigkeitsbereiche betreffen meist die Verwaltung, aber auch die Bildung, und sind Sache der
Länder. In Deutschland ist der Bezug zur lokalen und regionalen Umgebung (Heimat) sehr stark.
Mit knapp 30 % des Bruttoinlandsprodukts der gesamten Europäischen Union hat Deutschland die
stärkste Wirtschaft in Europa. Dementsprechend hat der EU-Mitgliedstaat großen politischen
Einfluss. Seine wichtigsten Organe auf Bundesebene sind der Bundestag (Assemblea federale) und
der Bundesrat (Camera delle regioni), die einerseits die Einheit des Staates darstellen und
andererseits seine stark föderalistische Untergliederung, die offensichtlich wird, wenn man an das
Bundesverfassungsgericht denkt, das oberste deutsche Gericht. Es hat seinen Sitz in Karlsruhe und
nicht in Berlin und ist für die Urteile zuständig, die das Leben des Staates insgesamt und die
diesbezüglichen Entscheidungen betreffen. Bayern hat einen Rechtsstatus, der diesem Bundesland
eine große Autonomie einräumt. Das Bundesland ist im Allgemeinen konservativ einstellt und im
Vergleich zum restlichen Deutschland relativ selbstbestimmt. Die wichtigste bayrische Partei ist die
konservative CDU mit ihrem rechten Flügel, der Christlich-Sozialen Union (CSU).
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Die Bedeutung der deutsch-italienischen Handels- und Rechtsbeziehungen
Bayern ist die wichtigste katholische Region Deutschlands, gefolgt vom Rheinland im Nordwesten
mit Köln als wichtigster Stadt. München ist eines der wichtigsten Technologiezentren in
Deutschland. Dort befindet sich auch eine große italienische Gemeinde aus Unternehmern,
Arbeitern und Restaurants sowie deutsch-italienischen Kanzleien, die sich auf die Beilegung von
grenzüberschreitenden Streitigkeiten (im Zusammenhang mit Rentenzahlungen,
Erbangelegenheiten, Arbeitsrecht usw.) spezialisiert haben. Dabei kann es um die Scheidung von
Eheleuten mit unterschiedlicher Nationalität (italienisch und deutsch) gehen, aber auch um
internationale erbrechtliche Fragen, Fusionen, Übernahmen und Ausgliederungen, die vom
Handelsrecht (diritto commerciale) bzw. dem Gesellschaftsrecht (diritto societario) geregelt werden
und trotz der terminologischen Ähnlichkeit der Begriffe wie GmbH (Gesellschaft mit beschränkter
Haftung) einige wesentliche Unterschiede aufweisen. Eheschließungen und Scheidungen zwischen
italienischen und deutschen Staatsbürgern werden vom Zivilgesetzbuch des einen oder des anderen
Landes geregelt. Dies kann natürlich zu rechtlichen Problemen führen, weil die jeweilige nationale
Gesetzgebung nicht immer der anderen entspricht, sondern teilweise erhebliche Differenzen
aufweist. Obwohl der Zusammenschluss Europas zweifellos zu einer Annäherung der
Gesetzgebung in den beiden Ländern geführt hat, bestehen dennoch erhebliche Abweichungen
zwischen den Zivilgesetzbüchern, die beide auf römischem Recht basieren. In Italien werden
traditionell – beispielsweise beim Erbrecht – die Rechte der Familie des Verstorbenen privilegiert.
Das deutsche Erbrecht gewährt dem Erblasser (testatore) eine größere Freiheit bei der Verfügung
über seinen Nachlass (siehe hierzu die Website: http://www.italienischesrechtrechtsanwaltskanzlei.de/diritto-civile.htm mit meiner Übersetzung, die auch im Bereich
„Ausgeführte Arbeiten“ auf meiner eigenen Website: http://www.gregoriobaggiani.it abrufbar ist.
Dasselbe gilt für das Eherecht (diritto matrimoniale), das vielleicht noch ein Relikt der italienischen
katholischen Tradition und der engen Verbindung zwischen Staat und Kirche ist, auch wenn die
beiden nominell und formell unabhängig voneinander sind. Hier sind die Verfahren beim
Scheidungsrecht viel länger und beschwerlicher als in Deutschland. Dabei wird die geschiedene
Ehefrau mit Kindern erheblich vorteilhafter behandelt. Auch die gesetzlichen Vorschriften für den
Kauf einer Ferienwohnung in Italien durch Käufer mit deutscher Staatsbürgerschaft sind für den
italienischen Immobilienmarktes von Bedeutung. Da die EU-Gesetzgebung unter anderem ein
Niederlassungsrecht für EU-Bürger, Unternehmen und Selbständige vorsieht
((http://www.unife.it/giurisprudenza/giurisprudenza/studiare/diritto-dellunione-europea/materialedidattico/le-4-liberta-stabilimento), befassen sich zahlreiche deutsch-italienische Anwaltskanzleien
und Maklergesellschaften sowie Verbände deutscher Immobilienbesitzer erfolgreich mit der
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rechtlichen Seite dieses speziellen Immobiliensektors, bei dem es in erster Linie um den Verkauf
von Immobilien oder deren Vermietung auf der Basis eines Vertrags geht, der nach italienischem
oder deutschem Pachtrecht (diritto di locazione) unterzeichnet wird, sowie um den Bau nach
italienischem oder deutschem Baurecht (diritto edilizio). Es sei daran erinnert, dass die Deutschen
Italien schon seit Goethe in künstlerischer und gastronomischer Hinsicht sehr lieben, es aber auf der
anderen Seite wegen einiger Aspekte, die wenig Begeisterung hervorrufen, auch fürchten. An dieser
Stelle seien nur die bekannten Mängel des Justizsystems insgesamt erwähnt, das nicht gerade durch
besondere Effizienz und Zuverlässigkeit von sich reden macht. Die Deutschen fürchten auch die
hohen Bankzinsen und die ineffiziente Bürokratie sowie die plötzlichen Gesetzesänderungen, die
den Immobiliensektor betreffen. Bei seiner Zusammenarbeit mit deutschen Kunden ist der
italienische Übersetzer angenehm überrascht von der Tatsache, dass im Allgemeinen zunächst die
Qualität der ausgeführten Arbeit bewertet wird und nicht die Kosten im Vordergrund stehen, die für
deutsche Kunden gewissermaßen zweitrangig sind. Für deutsche Kunden steht die Qualität der
Arbeit im Vordergrund, die Gründlichkeit, Seriosität, Genauigkeit und Sachlichkeit (obiettività), die
dank einer Einarbeitung in das Fachgebiet zu erreichen ist. Im genannten juristischen Kontext sind
daher die Termini technici zu verwenden bzw. auf Deutsch die Fachsprache.
München ist insbesondere aufgrund seiner geographischen Lage die Stadt mit den engsten
Beziehungen zu Italien. In erster Linie sind hier die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zur
Lombardei und der Region Venetien zu erwähnen bzw. mit Mailand, Verona und dem Friaul, wo
ein sehr intensiver Handel zwischen Italien, Deutschland und Österreich betrieben wird. Die
deutschen Investoren ziehen es generell vor, im Norden und dort insbesondere in Mailand zu
investieren (siehe hierzu Deutsch-Italienische Handelskammer http://www.ahk-italien.it/it), weil
diese Stadt geographisch am nächsten an Deutschland liegt und weil die lokalen Unternehmen im
Allgemeinen unter Handelsgesichtspunkten interessanter sind als der Süden Italiens, der logistisch
weit entfernt ist und nicht immer über die erforderliche Infrastruktur verfügt. An dieser Stelle reicht
ein Hinweis auf die hohen Konzentration von Industrieunternehmen und deutschen
Handelsgesellschaften in Mailand und im Allgemeinen in der Lombardei. Das gesamte Etschtal,
einschließlich Bozen und Trient, hatten bereits in der Vergangenheit eine starke Verbindung zu
Deutschland und Österreich. Hinzu kommen auch kulturelle Verbindungen, die bis heute
feststellbar sind. Sie zeigen sich in der Sprache, aber auch in der Küche und den Speisen, die
zweifellos einige Ähnlichkeiten aufweisen. Südtirol hingegen ist – wenn auch häufig widerwillig –
ein wichtiges Element der regionalen Verbindung zwischen Deutschland und Italien, auch in
linguistischer Hinsicht. Hier befindet sich der Athesia-Verlag, der angesehene zweisprachige
Rechtstexte herausgibt (Zivilgesetzbuch (Codice civile) und Zivilprozessordnung (Codice di
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procedura civile)). Das Deutsch, das in Südtirol gesprochen wird, weist jedoch einige
Besonderheiten im Vergleich zum Hochdeutschen auf.
Material für allgemeine Übersetzungen und speziell für juristische Übersetzungen
Zweisprachige Wörterbücher
Dizionario / Wörterbuch Sansoni DE<>IT mittlere und große Ausgabe
Dizionario / Wörterbuch Zanichelli DE<>IT
Dizionario / Wörterbuch Paravia DE<>IT
Technisches Deutsch
Wörterbuch der Technik und der Angewandten Wissenschaft deutsch <> italienisch
Zanichelli Langenscheidt
Grande dizionario tecnico tedesco<>italiano / Das große Wörterbuch der Technik Hoepli
Dizionario tecnico tedesco<>italiano / Technisches Wörterbuch italienisch<>deutsch Garzanti
Rechts- und Wirtschaftssprache
Troike Strambaci Helffrich Mariani
Conte Boss, Dizionario giuridico tedesco <> italiano / Wörterbuch der Rechts- und
Wirtschaftssprache
Giulio Taino, Il tedesco dell’economia
Dizionario dell’economia Hoepli tedesco<> italiano
Haring/Bruzzichini, Vocabolario economico, commerciale e finanziario / Wörterbuch
Wirtschaftsitalienisch, Oldenbourg Verlag
Linhart/Morosini Dizionario Giuridico / Wörterbuch Recht DE<>IT C.H. Beck Helbing
Lichtenhahn Manz
Derzeit sind auf dem Markt die folgenden Gesetzbücher erhältlich, die von zweisprachigen Juristen
übersetzt wurden: das Bürgerliche Gesetzbuch von Professor Salvatore Patti, die
Zivilprozessordnung vom selben Autor und zwei zweisprachige Versionen dieser Gesetzbücher
vom Athesia-Verlag, Bozen. Es versteht sich von selbst, dass diese deutschen und italienischen
Nachschlagewerke und vor allen Dingen die zweisprachigen Gesetzbücher für den Übersetzer ein
wertvolles Hilfsmittel sind, wenn es um die spezielle Rechtsterminologie geht. Auf diese Weise
kann ein gewissenhaft arbeitender Übersetzer spezielle juristische Glossare erstellen, mit denen
eine in terminologischer und begrifflicher Hinsicht einwandfreie juristische Übersetzung gelingt.
Zur Vertiefung der juristischen Terminologie kann sich auch das einsprachige Rechtswörterbuch
Creifelds vom Verlag C. H. Beck sowie der Köbler vom Verlag Vahlen als wichtig erweisen, wenn
nicht sogar unerlässlich sein. Die zweisprachigen Gesetzbücher wiederum sind nützlich, wenn es
um die Terminologie und den Stil der korrekten Übersetzung aus dem juristischen Bereich geht. Bei
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den einsprachigen Wörterbüchern gehören der Wahrig und der Duden zu den besten auf dem
Markt. Sie definieren und erklären bestimmte Wörter in der Originalsprache. So wird zum Beispiel
der italienische Begriff „interpretazione“ einer bestimmten Erscheinung oder eines bestimmten
Ereignisses im Deutschen mit „Deutung“ wiedergegeben, während die Interpretation eines
schriftlichen Textes mit dem Begriff „Auslegung“ übersetzt werden muss. Dieser Unterschied wird
von einem einsprachigen Wörterbuch deutlich herausgearbeitet. Der Begriff „Recht“ wiederum hat
im Deutschen zwei mögliche Übersetzungen, je nachdem ob es sich um ein abstraktes und
allgemeines Recht handelt (hier ist „Recht“ die richtige Übersetzung) oder ob es sich um ein
spezielles und konkretes persönliches Recht handelt (dann wäre „Anspruch“ korrekt); Besitz oder
Eigentum ist zu wählen, wenn es sich um juristisch anerkannten Besitz oder Eigentum handelt,
Verantwortung oder Haftung im Falle von einer Verantwortung im Allgemeinen oder bei einer
juristischen Haftung. „Aufhebung“ kann in der juristischen Sprache entweder die Annullierung,
Berufung oder Aussetzung eines Gerichtsurteils sein oder für die Abschaffung eines Gesetzes
stehen, während es in der historisch-politologischen Sprache für die endgültige Überwindung einer
bestimmten historisch-politischen Phase und den Übergang zur nächsten Phase stehen kann (siehe:
http://it.bab.la/dizionario/tedesco-italiano/aufhebung). Ferner ist es ratsam, ein italienisches
Rechtswörterbuch zu konsultieren und es mit den entsprechenden deutschen Versionen, wie oben
angegeben, zu vergleichen. Natürlich ist nicht immer das gesamte oben genannte Material nötig,
insbesondere für einen Übersetzer, der gerade erst am Anfang seiner beruflichen Laufbahn steht.
Doch mit der Zeit kann die technische Ausrüstung sich als wichtig und unerlässlich erweisen, wenn
es um fachsprachliche Übersetzungen geht, die von Anwaltskanzleien oder Wirtschafts- und
Finanzinstitutionen in Auftrag gegeben werden. In Italien befinden sich diese vor allen Dingen in
der Gegend um Mailand. In Deutschland sind sie vor allem in und um Frankfurt am Main zu finden,
dem Sitz der Europäischen Zentralbank). Frankfurt ist daher die Finanzhauptstadt der Eurozone, in
der in erster Linie Englisch, in einigen Fällen aber auch Deutsch gesprochen wird. Diese Branchen
sind besonders anspruchsvoll, zahlen aber auch gute Preise, wenn der Übersetzer in der Lage ist,
eine qualitativ hochwertige Übersetzung zu liefern. Dasselbe gilt für die schweizerische
Finanzhauptstadt Zürich, wichtiger Bankplatz, Wirtschafts- und Finanzzentrum der Schweiz, wo
man Schweizerdeutsch spricht. Diese Sprache weist in terminologischer und semantischer Hinsicht
einige große Unterschiede zum Hochdeutschen auf. Dies gilt im Übrigen auch für das Rechtssystem.
Auch das in Österreich gesprochene Deutsch unterscheidet sich terminologisch und semantisch vom
Hochdeutschen.
In den meisten Fällen ist es möglich, dasselbe Rechtsinstitut auch in der Gesetzgebung des anderen
Landes zu finden, wenn auch die Verwendung eine andere sein kann. Italienische Fachbegriffe wie
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zurechnungsfähig (capace di intendere e di volere), Zwangsvollstreckung (esecuzione coatta),
Treuhandverhältnis (rapporto fiduciario), Ersitzung (usucapione) oder Schadenersatz (risarcimento)
finden das entsprechende Rechtsinstitut sowohl in der deutschen als auch in der italienischen
Zivilprozessordnung, allerdings mit leicht anderer Bedeutung. Den deutschen Begriffen
Zweckentfremdung oder Zweckumwandlung entspricht in beiden Fällen exakt derselbe Begriff in
der italienischen Sprache (wenn zum Beispiel ein bisher für den Transport von Gegenständen
verwendetes Fahrzeug anschließend zum Personentransport verwendet wird oder wenn Ackerland
zu Bauland wird). Dieser Begriff muss daher in einem juristischen Text unter Bezug auf den
jeweiligen juristischen Kontext übersetzt werden und nicht unter Bezug auf einen allgemeinen
Kontext. Daher kann die Verwendung eines guten Rechtswörterbuchs für die korrekte Übersetzung
von entscheidender Bedeutung sein. Besonders deutlich wird dies im Bereich des Strafrechts (diritto
penale), wo ein Übersetzungsfehler einer Person eine mehrjährige Haftstrafe einbringen kann. Diese
Person könnte den Übersetzer früher oder später für den Übersetzungsfehler zur Verantwortung
ziehen. Langfristig ist die – möglicherweise schrittweise – Anschaffung von Übersetzungshilfen
meiner Meinung nach sicher eine lohnende Investition. Schließlich bleibt darauf hinzuweisen, dass
ein Kunde, der bei seiner Berufsausübung oder vor Gericht durch einen schwerwiegenden Fehler
beim Dolmetschen oder Übersetzen geschädigt wird, vom Übersetzer Schadenersatz verlangen kann.
Daher ist eine Berufshaftpflichtversicherung für Übersetzer inzwischen zur Pflicht geworden. In
einigen Fällen kann der Streitwert mehrere Hunderttausend Euro ausmachen. Sie können sich daher
sicher vorstellen, welche schwerwiegenden Konsequenzen dies für den Übersetzer und seine
Familie hat.